Sonntag, 22. Dezember 2013

Der kleine Neffe



"Er kommt zurück! Er kommt endlich wieder zurück!" Aufgeregt läuft das Navi über den Steg. Es hat sich längst wieder seine Winterversion als wegblinkendes Pummel-Ren übergestreift. Auch wenn es in den letzten Tagen darin ziemlich oft geschwitzt hat.

Aber der kleine Wegweiser hat es gewusst: "Er kommt zurück! Frau Fuchs, ich hab's gewusst, gleich ist er da!" Und dann hat das Navi keine Zeit. Es ist ja noch so viel vorzubereiten: "Der Pol wartet!"

"Worauf?" Frau Fuchs versteht diese kleinen Bären nicht. Jetzt laufen sie als rotgestiefelte Paarhufer mit blauen Blinklicht seit Tagen durch den Garten. Andere schleppen abgesägte Minifichten durch das Haus. Und verbreiten dabei so eine schwelende Unruhe. "Worauf wartet dieser Herr Pol?" "Das ist doch kein Herr," lacht der kleine Fellbeutel: "Und natürlich auf mich!"

"Habt ihr denn keinen Wunschzettel geschrieben, Frau Fuchs?" Das Navi schüttelt erstaunt das Geweih. Das hat ihr doch keiner gesagt. Und was soll sie sich wünschen? Dass kleine Bären nicht immer so kariert reden? Vielleicht eher quergestreift oder zart geblümt? Öh! "Wer bekommt denn diese Wunschzettel?" "Der Weihnachtsmann am Nordpol natürlich und ich fliege hin, um dann die Geschenke abzuholen." Um Geschenke geht's? "Ja genau! Also vielleicht eine Entenkappe oder einen Schwanenmütze statt immer nur ihr Hühnerhut!" Was haben diese Bären nur immer mit ihrem schicken Kopfputz?

Das Navi hat jetzt keine Zeit mehr. Da steht schon der Nächste, der die gute Nachricht noch nicht kennt. "Ich hole jetzt die Weihnachtsgeschenke, denn ich kenne den Weg." Es zeigt auf sein hektisch blinkendes, blaues Licht. "Das ist das Such-den-Weg-Binken. Das bringt mich und den Schlittenfahrer direkt zur Geschenkausgabe der Wichtelwerkstatt."

"Du kennst den Schlittenfahrer für den Weihnachtstransport?" Der junge Bär im roten Anorak kann sein Glück kaum fassen. "Ich suche ihn schon seit Tagen." Er kratzt sich hinter dem Ohr. "Eigentlich schon seitdem ich hier ins Haus gekommen bin."

Der kleine Bär stellt erst einmal seine Wandertanne ab. Er muss dem Geweihbär ganz dringend erklären, dass er seinen Onkel, einen alten Seebären sucht, der hier im Haus wohnen soll. Inzwischen soll der alte Zausel nur immer wieder mit irgendwelchen Flughobeln abheben und dann für Tage verschwunden bleiben. Er trägt dabei ein rote Zipfelmütze und ruft auch öfter 'Hohoho!', wenn es gut läuft. Und 'Üijuijui!', wenn es kitzelig wird. So viel haben ihm die Bären im Haus schon erzählt, also könnte der Polflieger doch sein Onkel sein...

"Das könnte passen!" Das Navi verspricht, den Schlittenpiloten zu fragen, wenn es unterwegs ausnahmsweise mal Zeit hat. Weil es ja eigentlich ständig sagen muss, wo es lang geht. Vielleicht hat der alte Bär ja einen Neffen, der sich ständig am Ohr kratzt. So wie jetzt, wenn er ganz aufgeregt ist. Und noch nicht einmal Frau Fuchs bemerkt, die sich unbemerkt ins Haus schleichen will. Bevor noch jemand über ihre Vogelvorlieben fürs Haupt reden will.

"Hörst du es auch?" Das Navi spitzt die Ohren. "Was?" Der kleine Neffe hört noch so viel. "Na das Brummen und Fauchen in der Ferne. Oh ja, er kommt!"

Wenig später poltert eine rote Rakete auf den Steg. Der Feuerstrahl spotzt und flammt noch einmal heftig auf, als er dabei das Fahrwerk tief in den Raketenbauch staucht.

Dann muss der erfahrene Pilot sich wieder gut festhalten. Jede Landung endet bis jetzt mit wilden Bocksprüngen. Wenn der große Bär versucht, den bockenden Feuerstuhl abzubremsen und dabei auf der schmalen Holzlandebahn zu halten, um ihn nicht in die dichte Botanik daneben zu bohren.

Wenn die rasende Rakete so auf ein Navi und einen kleinen Bären zu donnert, fragen sich die beiden, ob es wirklich klug war, schon auf der Landebahn zu warten. Sie drücken sich an die Seite und hoffen, dass dem hart arbeitenden Piloten nicht die Strecke ausgeht.

Dann rollt der Düsenflieger sanft aus. Es ist ja nicht die erste Landung des alten Zausels. Er hat nur in den letzten Wochen wieder einige Übungsflüge angesetzt, damit er sich nicht wie letztes Jahr immer wieder verfliegt und ständig Supersprit nachkippen muss. Nun auch dieses Jahr säuft der Geschenkehobel wie ein Loch und die Spritpreise klettern wieder zum Fest. Wenn er die Kreditkarte vergisst, kommt er nicht einmal bis zum Hämeler Wald. Auf jeden Fall hat er sich wieder an die Macken und Mucken der roten Spritschleuder gewöhnt und das Weihnachtsfest kann kommen.

Schon begrüßen ihn die beiden Lütten. Sie warten noch nicht einmal, bis der rote Flughobel richtig steht, sondern stürmen gleich auf ihn zu. "Vorsicht Kinners, das ist ein Teufelsding, das euch mit seinem Düsenstrahl das Fell wegbrennen kann."

Doch die Kleinen lassen sich nicht stoppen. "Ich komme mit!" verkündet das braune Pummel-Ren. Und der kleine Bär im roten Anorak, kratzt sich schüchtern hinterm Ohr, bevor er sich ein Herz fasst: "Bist du mein Onkel? Der alte Seebär?"

Dieses Ohrkratzen ist ja ansteckend, schon schubbert auch der alte Seebär sein Ohr: "Das kann schon sein, wenn deine Mudda in einem kleinen Dorf im Weserbergland wohnt." Ein kurzes Nicken und der kleine Bär ist erleichtert: Er hat seinen Onkel gefunden. Eine gewisse Ähnlichkeit kann man bei diesen Segelohren ja auch nicht leugnen.

Die beiden Kleinen sitzen glücklich im Cockpit der Weihnachtsrakete. Der Bär im Anorak kann es kaum fassen, dass er die dicke Nase seines Onkels endlich anstupsen kann. Den würde er am liebsten gar nicht mehr loslassen. Und das Navi macht sich als guter Mitflieger schon mal mit den Feinheiten der Steuerung vertraut. Da gibt es schließlich drei Blinktasten, die bestimmt ganz viele Funktionen haben können. Wenn der alte Seebär mal abgelenkt ist oder verschnaufen muss, könnte das Navi einspringen und für ihn den passenden Knopf drücken.

Nun, den passenden Knopf könnte auch ein anderer drücken. Vor allen Dingen, wenn es ein Verwandter ist. Der Neffe will nicht schon wieder allein warten, also fliegt er das nächste Mal mit. Aber nur das Navi kennt den Weg. Also, dann müssen beide an Bord. Vorher werden sie noch klären müssen, wer vorn schalten und walten darf und wer sich am Rücken festklammert. "Ich gehöre zu technischen Ausstattung und muss nah an der Steuerung sein!" "Aber mein Onkel will mir sicher beibringen, wie man ein alter Seebär wird." Der alte Seebär würde nur gerade gern jemand anders sein. Jemand, der den beiden Wichten nicht sagen muss, dass keiner zum Abholen der Geschenke mitkommen kann. Das hat er Anna doch versprochen.

Zum Glück kommt da schon die große Bärin, und haut den etwas überforderten Chefpiloten raus. Sie arbeitet seit dem letzten Desaster mit Tiefkühlpizza, Glitzermalstiften und Schräbbelgitarren schon seit einem Jahr an einem schönen Weihnachtsfest. Dafür muss aber auch der Geschenkebote im Plan bleiben, und darf nicht mit zwei naseweisen Passagieren wieder an der nächsten Tanke stranden.

"Diesmal noch nicht," tröstet Anna die beiden Flugschüler. "Doch nach Weihnachten könnt ihr sicher mitfliegen, wenn der Weihnachtsschlitten nicht so schwer beladen ist." "Aber der Weg ..."  heißt es sofort, gefolgt von: "Er ist doch mein Onkel." "Nun, wenn ihr jetzt an Bord klettert, müsste der alte Seebär euch am Nordpol zurücklassen, damit er die vielen bunten Päckchen mitnehmen kann. Oder ihr müsst den anderen Bären im Haus erklären, warum gerade ihre Geschenke fehlen."

Dann muss der alte Seebär die Ladeluke hochklappen und den winzigen Packraum zeigen. Der Neffe kann es gar nicht glauben, dass sich da der Flug zum Nordpol überhaupt lohnt. Und jetzt sollte der Geschenkebringer besser noch einen Testflug machen. Eben, weil kein Navi an Bord sein kann, das ihm den Weg zeigt.

Anna hält die beiden gut beisammen, als der Seebär wieder den fauchenden Raketenmotor anwirft. Sie winken dem mutigen Piloten hinterher, als er startet. Das üben sie gemeinsam schon mal für den großen Flug zum Nordpol. Damit der Zauselflieger hoffentlich schwerbeladen am Heiligabend mit den ganzen Geschenken wiederkommt.

Bis dahin überlegt die große Bärin, ob sie die Start- und Landebahn nicht besser ganz sperren sollte, bevor es irgendwann Brutzelbären gibt.


Ein kleiner Bär beschließt gerade, dass er, wenn er groß ist, ganz sicher Pilot wird. "Und ich werde ihm eine Abkürzung zeigen," kräht ein aufgekratztes Navi in den aufheulenden Lärm, als die Rakete träge wieder abhebt.


Fotos: W.Hein

Die verwirrte Frau Fuchs ist von Natasha Kataeva. Und der kleine Neffe ist ein echter Amadori-Bär, wie sein großer Verwandter, der alte Seebär. Er hatte sich bis zur Bärenhöhle Hannover durchgeschlagen, nachdem Frau Amadori verkündet hat, dass er einer der letzten seiner Art ist. Sie hat das Bärenmachen inzwischen an den Nagel gehängt, weil es Besseres zu tun gäbe. Frau Mahnke hat dem Bären in der Bärenhöhle passend zur Jahreszeit einen Anorak aus den 60ern spendiert und für die Adventszeit noch eine Kleinfichte in die Pfote gedrückt. "Die muss mit," wurde beim Kauf entschieden und so läuft der kleine Bär hier die ganze Zeit mit der Instantbegrünung durchs Haus. Nachdem er nun seinen Onkel gefunden hat, wird es im Cockpit wohl wirklich ziemlich eng werden, denn Nelleke hat sich mit Pilotenbrille auch schon für Flugstunden angemeldet.

Aber der alte Seebär wird dann doch lieber allein zum Nordpol fliegen ...

Kommentare:

kleine-creative-Welt hat gesagt…

ach ich liebe eure süßen Geschichten - die Bären, Mäuse, Fuchs und und... sind ja so schon so süß aber angezogen - der Wahnsinn - ich bin immer wieder hingerissen, was es alles für superschöne Sachen gibt -
ich hab mir grade vorgestellt, wenn Kinder dieses Paradies sehen würden - die würden ausflippen - aber es wäre einfach zu schade, denn Kinderhände... ihr wisst schon -

alles Liebe -

Ruth

SchneiderHein hat gesagt…

@ Ruth
Ach weißt Du, die Kinderhände, die wir im Laufe der Jahre kennengelernt haben, die haben meist andere Interessen. Ich vermute, dass sich die Art zu spielen auch ganz schön verändert hat. Wobei ich jetzt nicht sagen möchte, dass die Kinder heute zu weniger Improvisation und Kreativität erzogen werden. Aber für uns war ein großer Pappkarton mit dem man spielen konnte schon etwas Besonderes. Und Wolfgang vor dem Kühlschrank, als er darin Nordpol spielte ;-)
Heutzutage gibt es vielleicht einfach zu viele perfekt vorbereitete Welten, in denen kind spielen kann...
Davon profitieren unsere Bären inzwischen natürlich auch - zB. die ganze Muffi-Ausstattung, aber wir haben trotzdem noch einen wilden Mix aus allen möglichen Dingen: Da wird unsere Kindheit mit Bärenausstattung aus dem Fachhandel kombiniert, altes Spielzeug aufgekauft, etwas selbst gebaut, mein DekoGerümpel umgenutzt und mit Photoshop etwas an den Effekten gezaubert.
Daher waren wir am 3. Advent auch wieder ganz begeistert, dass es ähnlich Verrückte (nur noch viel perfekter) im MiWuLa in Hamburg gibt ;-)
Die Kinder, die zumindest bei uns waren. die spielten wenn überhaupt nur sehr zurückhaltend mit den Dingen, die da rumstanden. Das mag aber auch am doch fremden Umfeld gelegen haben. Obwohl sie damals, als wir noch nichts von unserem Zeckenproblem ahnten, extrem gelassen und ganz selbstverständlich durch unseren Garten tobten ...